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Nach dem 17. Oktober : Welche politischen Perspektiven ergeben sich aus den Aufständen und Unruhen ?

Erklärung vom 25. Oktober 2026

Die Wut des Volkes

Die Jugend hat das reaktionäre Frankreich in Brand gesetzt, um eine Gesellschaft zurückzuweisen, die sie nicht länger erträgt.
● Eine Gesellschaft, in der Krieg und Militarisierung Vorrang haben, in der Truppen nach Saudi-Arabien entsandt werden, während für Bildung und ebenso für Gesundheit kein Geld mehr da ist. Alles wird für Aufrüstung ausgegeben, nichts für die Jugend !
● Eine rassistische Gesellschaft, in der Jugendliche aus den Vorstädten nur als Wilde, Barbaren und „Randalierer“ angesehen werden, die man mit unbegrenzter Gewalt bändigen müsse. Gleichzeitig versucht man, sie mit dem Gedenkprojekt zum 11. November für sich einzuspannen. Angeblich : „Ehre unseren Toten !” Ja, den Kanonenfutter-Soldaten vergangener und zukünftiger imperialistischer Konflikte !
● Eine Klassengesellschaft, in der Jahr für Jahr ausgesiebt wird, wer zu den glücklichen Auserwählten gehören darf, die Erfolg haben werden. Die anderen überlässt man ihrem Schicksal als Arbeitslose und Proletarier. Abschaffung von Parcoursup und Mon Master, den Instrumenten dieser Klassenselektion !
● Eine Gesellschaft, in der Gewalt überall herrscht, insbesondere im Bildungswesen : gegen Jugendliche, die den Mund halten und sich gefälligst fügen sollen, während ihr Ausschluss bereits vorprogrammiert ist. Doch auch in der gesamten Gesellschaft : Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, belastende Arbeitsbedingungen und Flexibilisierung. Die Proletarier sind das Kanonenfutter des globalisierten Wirtschaftskrieges. Es reicht !
● Eine Gesellschaft, in der der Staat glaubt, sich bei der Unterdrückung der Jugend alles erlauben zu können : systematische Misshandlungen während des Polizeigewahrsams, Schüsse mit Gummigeschosswerfern (LBD), grundloses Tränengas. Die Bullen sind außer Rand und Band, besonders in den Vorstädten. In Aubervilliers wurde sogar eine Kindertagesstätte mit Tränengas eingenebelt !
Die Jugendlichen haben recht ! Sie durchbrechen das Schweigen auf den Straßen und entfachen die Flamme der Rebellion ! Wir müssen ihrem Beispiel folgen und den Kampf fortsetzen ! AUS EINEM FUNKEN KANN EIN STEPPENBRAND ENTSTEHEN, wie Mao Zedong sagte !

Sie haben es geschafft, die Passivität und Ohnmacht zu durchbrechen, die die Arbeiterklasse und die Bevölkerungsschichten am unteren Ende der Gesellschaft erdrückten.
Angesichts der Wirtschaftskrise, des Elends, der Arbeitslosigkeit und der Unsicherheit ; angesichts der Haushalts- und Schuldenkrise, während die Bourgeoisie Milliarden an Gewinnen einstreicht ; angesichts der ökologischen Krise, die allen gleichgültig zu sein scheint – Hitzewellen, chemische Giftstoffe, Agrarindustrie, Verschmutzung von Gewässern und Böden – ; angesichts des fortschreitenden Verfalls von Bildung und Gesundheitsversorgung sowie der entfesselten Polizeigewalt hat die Anhäufung der Katastrophen hervorgebracht, was hervorgebracht werden musste : die REVOLTE und die WUT DES VOLKES, mit jener legitimen Gewalt, auf die mit einer unerträglichen staatlichen Gewalt und Arroganz geantwortet wird.
WIR HABEN DAS RECHT, AUFZUSTEHEN ! Wir würdigen den Mut, die Entschlossenheit und die bemerkenswerte Solidarität der Demonstrierenden aus allen gesellschaftlichen Bereichen, die gekommen sind, um sich der Regierung und den verheerenden Folgen ihrer Ausbeutungspolitik entgegenzustellen.
Nein, was wir gesehen haben, waren keine „Horden von Abschaum aus den Vorstädten, die zum Plündern und zur persönlichen Bereicherung gekommen sind“, wie es die Rechte und die extreme Rechte gerne verbreiten und wie es manche Teile des verängstigten Kleinbürgertums übernehmen !
Was wir gesehen haben, war die Wut der Bevölkerungsschichten, die das harte Leben und dieses System nicht länger ertragen können. Sogar bürgerliche Gymnasiasten, die eigentlich nicht unmittelbar betroffen sind, haben sich solidarisch gezeigt und sind gekommen, um die Jugendlichen aus den Vorstädten zu unterstützen !

Die Mobilisierung hat alle Erwartungen übertroffen

Wir hatten ursprünglich mit 200.000 Menschen auf den Straßen gerechnet. Tatsächlich waren es 800.000 – und am 24. erneut ! Selbst das Innenministerium musste seine Zahlen im Laufe des Tages nach oben korrigieren und einräumen, dass es völlig überrumpelt worden war.
● Wir hatten mit einer starken Mobilisierung der Gymnasiasten und Gymnasiastinnen gerechnet – und sie fand statt. Bemerkenswert ist im Vergleich zu früheren Bewegungen, dass sich auch die beruflichen Gymnasien an den Aktionen beteiligten.
● Doch die Jugendlichen zogen auch die Studierenden mit sich, sodass die meisten Universitäten und Hochschulen von der Bewegung erfasst wurden.
● Sie holten die entschlossensten Gelbwesten wieder aus der Deckung hervor, jene, die den 2018 begonnenen Kampf niemals aufgegeben hatten und von Elend und steigenden Lebenshaltungskosten angetrieben wurden. Ob mehr oder weniger friedlich, mehr oder weniger radikal : Es sind verarmte Proletarier, die die Bewegung sofort „verstanden“ haben und keine Angst vor Konfrontationen haben. Sie wurden von der Welle „Gelbwesten und Jugendliche – gemeinsam !“ mitgerissen.
● Sie zogen auch die Gewerkschaftsaktivisten auf ihre Seite. Das ist eine große Neuerung gegenüber früheren Bewegungen, in denen sich die Gewerkschaften nicht eindeutig positioniert hatten. Diesmal sahen wir eine echte Mobilisierung kämpferischer Aktivisten insbesondere der Gewerkschaften CGT und SUD, die gekommen waren, um die Jugendlichen vor Polizeigewalt zu schützen.
Die organisierte Arbeiterklasse als Ganzes ist bislang nicht mobilisiert. Sie wartet ab, ist durch die Gewalt eingeschüchtert und bleibt noch passiv. Man wird sehen, was die Zukunft bringt, wenn nach den Schulferien ab dem 5. November zu Streiks aufgerufen wird. Die Sparmaßnahmen und die zunehmende Armut könnten, angesichts der schamlos angehäuften Milliarden der großen kapitalistischen und imperialistischen Bourgeoisie, das Feuer weiter anfachen, das die Gymnasiasten auf der Ebene entzündet haben.
● Sie konnten auch die jungen Menschen aus den Vorstädten mit sich ziehen : Ausgeschlossene, Zurückgewiesene, die in heruntergekommenen Schulen landen und täglich von einer rassistischen und gewalttätigen Polizei unterdrückt werden. Sie sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der die Bourgeoisie den Reichtum plündert. Was sollte es da überraschen, dass sie gekommen sind, um sich Auseinandersetzungen zu liefern und zu kämpfen – zumal sie daran gewöhnt sind, auf Polizeigewalt zu reagieren ? Die sozialen Netzwerke spielen gestern wie heute eine wichtige Rolle bei der Mobilisierung. Ihr Einfluss ist zweifellos widersprüchlich, aber real.
● Sie gewannen breite Sympathie in den unteren Bevölkerungsschichten, trotz der beschämenden Medienpropaganda über Plünderungen, mit der Angst verbreitet und die Bewegung erstickt werden sollte. Die Solidarität war groß : Eltern demonstrierten mit ihren Kindern, Jugendliche schützten ältere Menschen bei Demonstrationen, Lehrkräfte und Gewerkschafter versuchten, die Polizeigewalt einzudämmen.
● Die neuen Mobilisierungen am 24. zeigten, dass die Bewegung nicht nachlässt – trotz der Schulferien, trotz des miserablen Wetters und trotz der brutalen Repression.

Die Reformisten versuchen zwar alles, um die Bewegung auf Geldfragen zurückzuführen – Löhne, Mittel für die Schulen – und auf eine bessere Verteilung des Reichtums. Diese Forderungen sind durchaus berechtigt, stellen den Kapitalismus aber nicht infrage. Doch diese beispiellose Mobilisierung ist die Wut eines Volkes, das dieses System nicht mehr erträgt : seine Empörung und seine legitime Gewalt. Das ist unser Lager, das ist unser Kampf. Wir beteiligen uns daran.

Darüber hinaus fand die erste Blockade, 8.000 Kilometer von der Pariser Region entfernt, bereits Ende August am Lycée von Acoua auf Mayotte statt. Seitdem hat sich die Revolte auf Französisch-Guayana, Réunion, Martinique und insbesondere auf Guadeloupe ausgeweitet, wo sie sich gegen die hohen Lebenshaltungskosten richtet. Hinzu kommt dort die für diese Gebiete typische antikoloniale Dimension.

In ganz Europa und auf der ganzen Welt

Die Regierung und die Medien versuchen, uns eine Revolte des Abschaums zu verkaufen, die brutal niedergeschlagen werden müsse, während man den netten, manipulierten Gymnasiasten ein paar Brosamen hinwirft.
Doch die Revolte bricht überall aus ! In Spanien treibt die Wohnungskrise und der Anstieg der Mieten die unteren Bevölkerungsschichten auf die Straße. Heute schließen sich ihnen Jugendliche an, die dem französischen Beispiel folgen. In Deutschland mobilisiert sich die Jugend gegen die Militarisierung und die Wiedereinführung des Wehrdienstes. In Albanien und Serbien richtet sich der Kampf gegen die Korruption. In Italien nehmen die Jugendunruhen eine ähnliche Entwicklung wie in Frankreich. In Belgien, Portugal und Griechenland breitet sich die Mobilisierung aus.
In Chile und Lateinamerika, in Bangladesch, in der Türkei und überall auf der Welt wird die Revolte der französischen Jugend mit Begeisterung beobachtet – als Symbol für eine neue Auflehnung der Generation Z gegen das System und die imperialistische Ordnung.

Wer will uns einreden, dass der 17. Oktober lediglich ein kleines Stimmungsproblem war, das auf Fehler der Regierungsführung zurückzuführen ist ? Dass es sich bloß um eine Frage der Verteilung des Reichtums handelt ?
Die Ausbreitung der Revolte ist der Beweis für den allgemeinen Charakter der Krise des Kapitalismus und für die Versuche sämtlicher Bourgeoisien, die Kosten dieser Krise auf die Arbeiterklasse und das Volk abzuwälzen, während sie sich auf jede erdenkliche Weise selbst bereichern.
Gleichzeitig erleben wir die Verwüstungen des globalisierten Wirtschaftskrieges und die Fäulnis des Kapitalismus, der sich in seiner Niedergangsphase angesichts imperialistischer Konkurrenten auf schamlose Weise bereichert.

Das Scheitern einer machtlosen Bourgeoisie

Die Regierung ist in die Enge getrieben. Auch sie steckt in den Widersprüchen einer Wirtschafts-, Finanz- und Haushaltskrise. Sie hat keine unmittelbaren Lösungen mehr und versucht nur noch, durch möglichst harte Repression zu überleben, um anschließend ein ganzes Paket volksfeindlicher Maßnahmen durchzusetzen.
Zugleich verbreitet sie über die von ihr kontrollierten Medien Angst. Damit will sie bestimmte Teile des Kleinbürgertums radikalisieren : sowohl das traditionelle Kleinbürgertum – Händler und Freiberufler – als auch das abhängig beschäftigte Kleinbürgertum, etwa Führungskräfte. Nach den Plünderungen werden diese Gruppen gezielt umworben und in ihrer Haltung bestärkt. So entsteht das Bild von den „Horden des Abschaums aus den Vorstädten, die zum Plündern kommen“.
Befinden wir uns deshalb bereits in einer revolutionären Situation, wie manche zu glauben scheinen ? Nein. Der Repressionsapparat – Armee und Polizei –, der in weiten Teilen vom Faschismus beeinflusst ist, steht weiterhin fest. Auch die Bourgeoisie hat noch mehrere Trümpfe in der Hand.
An erster Stelle steht das Szenario einer Machtübernahme des Rassemblement National (RN), das leider am wahrscheinlichsten ist : ein autoritäres, militarisiertes Regime, das zwar noch nicht vollständig faschistisch wäre, aber wesentlich härter als das gegenwärtige System. Der Neologismus „Demokratur“ scheint dafür durchaus passend. Ein solches Regime würde von der großen imperialistischen Bourgeoisie unterstützt, insbesondere von Bolloré und Stérin. Zweifellos würden sich ihnen auch die großen Unternehmer des französischen Arbeitgeberverbandes MEDEF anschließen, die erleichtert wären, endlich wieder sozialen Frieden zu haben. Schon jetzt lässt die Regierung in Lyon während einer Ausgangssperre eine faschistische Miliz demonstrieren. Andere Neonazis greifen in Nizza, Montpellier, Clermont-Ferrand und anderswo Demonstrierende an, ohne dass die Polizei eingreift …
Paradoxerweise stellt auch die mögliche Machtübernahme durch Jean-Luc Mélenchon – sollte dieses Szenario Wirklichkeit werden – eine reformistische Option zur Rettung des Systems dar, obwohl die Regierung vor allem die vermeintliche Gefahr der „ultra-linken“ Kräfte und von La France insoumise (LFI) ins Visier nimmt.
Eine solche Option wäre konterrevolutionär und würde die Volksmassen in eine Sackgasse führen. Sie wären nicht in der Lage, den krisengeschüttelten, verrottenden Kapitalismus zu reformieren.
Wie viele bereits angemerkt haben, kann man nicht gleichzeitig ein revolutionäres Image beanspruchen und sich als guter zukünftiger Verwalter eines Kapitalismus mit menschlichem Antlitz präsentieren. Das unvermeidliche spätere Scheitern einer solchen reformistischen Option würde ebenso unvermeidlich zur Rückkehr der härtesten Fraktionen der Bourgeoisie an die Regierung führen – wie im Fall von Syriza in Griechenland.
Die anderen politischen Varianten – Les Républicains (LR), Sozialistische Partei (PS), Kommunistische Partei (PC), Renaissance, Grüne und so weiter – spielen derzeit nur eine nebensächliche Rolle.

Schließlich sind sämtliche Reaktionen von den Wahlperspektiven für 2027 geprägt, bei denen jede politische Fraktion ihre eigenen Interessen verfolgt – in einer wirtschaftlich, sozial und politisch zerrütteten Lage.
Es besteht eine große Gefahr, dass wir erneut eine Konfrontation zwischen einem Lager der Ordnung und einem Lager des Chaos erleben werden. Die Älteren haben die Wahlen vom Juni 1968 nicht vergessen. Sie fanden unmittelbar nach dem großen Generalstreik statt und brachten eine Nationalversammlung hervor, die einheitlich von der himmelblauen Farbe der reaktionärsten Rechten geprägt war …

Die staatliche Repression

Der Bourgeoisie bleibt also keine andere Wahl, als auf härteste Repression zurückzugreifen. Sie nimmt unterschiedliche Formen an :
● Provokationen bei Demonstrationen : Sogenannte Randalierer, die in Wirklichkeit Polizisten sind, heizen die Revolte an, werden dabei gefilmt und ziehen sich anschließend wieder in die Reihen der Ordnungskräfte zurück. Es soll Chaos geschaffen werden, um den Einsatz sämtlicher Mittel zur Wiederherstellung der Ordnung zu rechtfertigen.
● Extrem gewaltsame Repression : gezielte Schüsse mit Gummigeschosswerfern oder Blendgranaten, abgerissene Hände, zerstörte Augen, Schädel-Hirn-Traumata. Offenbar gab es sogar einen Todesfall, der durch die hohe Konzentration von Tränengas verursacht wurde. Ziel ist es, Angst zu verbreiten und ganz konkret mit dauerhaften Behinderungen sowie psychischem Stress zu drohen, um radikale Mobilisierungen zu beenden.
● Folter auf Polizeiwachen und in Gewahrsamsstellen : eine beispiellose Zahl von Festnahmen und Ingewahrsamnahmen, Ohrfeigen und Faustschläge, sexuelle Übergriffe, Rassismus, systematische Gewalt, Beleidigungen und Schikanen sowie menschenunwürdige Haftbedingungen in den Gewahrsamsstellen – so sehr, dass selbst Richter ihre Besorgnis zum Ausdruck bringen müssen. Das Ziel ist, eine politisierte Generation von Gymnasiasten zu brechen, die sich nicht einfach alles gefallen lässt.
● Beschleunigte Gerichtsverfahren und Massenaburteilungen : Die Forderungen der Staatsanwaltschaft sind mitunter so beschämend, dass selbst die Richter sie abmildern müssen. Merkt euch das : Es scheint besser zu sein, seine Frau und seine Kinder zu schlagen oder Millionen zu unterschlagen, als einen Ladendiebstahl zu begehen. Das ist die Lehre, die uns die heutige Justiz immer wieder erteilt. Man fühlt sich an Victor Hugo und La Fontaine erinnert : „Je nachdem, ob ihr mächtig oder elend seid …“
Wir müssen ausnahmslos alle Angeklagten verteidigen. Wir müssen uns weigern, „die Spreu vom Weizen zu trennen“, und an der Seite aller Opfer der staatlichen Repression stehen !
● Die festgenommenen Jugendlichen aus den Vorstädten werden immer jünger : 13, 14 Jahre alt … In den ärmeren Vorstadtvierteln wird ihnen der Status als Kinder oder Jugendliche nicht zugestanden. Sie gelten sofort als „Abschaum“, und die Polizei kann sich nach Belieben an ihnen austoben.
● Demonstrationsverbote in sämtlichen Großstädten, die Blockade von Bussen mit Menschen ohne Aufenthaltsstatus in Orléans, Behinderungen aller Art, Ausgangssperren und Versuche, die Stadtpolizei einzusetzen – kommt als Nächstes die Armee ?
Die Regierung tut alles, um die Bewegung zu zerschlagen, sie zu spalten, zu kriminalisieren und ohne jede Grenze zu unterdrücken. Das ist so ungeheuerlich, dass selbst einige Demokraten darüber besorgt sind.
Dennoch gibt es nur wenige, die auf den von den Demonstrierenden getragenen Ruf „So kann es nicht weitergehen !“ (“Ça peut plus durer ! ”) zurückkommen. Die Reformisten ziehen es vor, sich wieder auf unmittelbare wirtschaftliche Forderungen zu konzentrieren…

Was ist von den Plünderungen zu halten ?

Wir werden diese heikle Frage nicht umgehen, die in sämtlichen Medien Schlagzeilen macht, um die Bewegung zu diskreditieren.
Zunächst müssen wir betonen : Die Plünderungen sind ein SEKUNDÄRER Aspekt der Mobilisierung. Lassen wir uns angesichts sämtlicher Varianten bürgerlicher oder kleinbürgerlicher Politik nicht dazu verleiten, die Seiten zu verwechseln. Der PRIMÄRE Aspekt ist die Wut des Volkes und seine berechtigte Empörung.

Zweitens gehören Zerstörungen und Plünderungen, ob man es nun gutheißt oder nicht, zu jedem aufständischen Aufruhr und jeder Revolte dazu.

Wir haben den Brand des bretonischen Parlaments in Rennes durch Fischer im Jahr 1994 nicht vergessen. Ebenso wenig die zahlreichen reaktionären Gewalttaten von Bauern der FNSEA oder von den Agrarfaschisten der Coordination Rurale.
Marx äußert sich mehrfach zu Aufständen :
„Weit entfernt, den sogenannten Exzessen, den Exempeln der Volksrache an verhaßten Individuen oder öffentlichen Gebäuden, an die sich nur gehässige Erinnerungen knüpfen, entgegenzutreten, muß man diese Exempel nicht nur dulden, sondern ihre Leitung selbst in die Hand nehmen.“
Auszug aus der Ansprache der Zentralbehörde an den Bund der Kommunisten, verfasst von Karl Marx und Friedrich Engels im März 1850.
„Die Bourgeoisie der ganzen Welt, die dem Massenmord nach einer Schlacht wohlgefällig zusieht, wird von Entsetzen geschüttelt, wenn Ziegel und Mörtel geschändet werden !“
Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, 1871.

Marx spricht von öffentlichen Symbolen oder verhassten Persönlichkeiten. Ob also das Rathaus von Limoges niedergebrannt oder die Eingangshalle des Rathauses von Marseille verwüstet wurde, ist für uns von geringer Bedeutung.
Wir stellen jedoch fest, dass Angriffe auf Symbole der staatlichen Macht – Polizeiwachen, Gerichte, Präfekturen und Rathäuser – äußerst selten sind. Diese Gebäude waren gut geschützt. Das politische Bewusstsein der Demonstrierenden hat diesen Punkt noch nicht erreicht.
Ebenso können wir Angriffe auf Luxusgeschäfte, Apple Stores, Telekommunikationsgeschäfte, Sportgeschäfte, Optiker und ähnliche Läden nachvollziehen. Sie sind Symbole einer Konsumgesellschaft, von der die unteren Bevölkerungsschichten ausgeschlossen sind.
Solche Geschäfte anzugreifen, ist zweifellos Ausdruck einer Entfremdung, aber zugleich auch eine Reaktion auf einen unerträglichen gesellschaftlichen Ausschluss. Das ist zunächst einmal so.
Mitunter haben wir auch gesehen, wie Plünderer die Beute unmittelbar untereinander verteilten, insbesondere Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs. Bis zu einem gewissen Grad lässt sich die Logik eines „Robin Hood“ nachvollziehen.
Doch wir können nicht einfach hinnehmen, dass Plünderungen zum Selbstzweck werden. Genau das verbreitete sich bereits vor dem 17. Oktober über die sozialen Netzwerke und führte sogar zu körperlichen Angriffen auf Ladenbesitzer und Kunden kleiner Geschäfte.
Das ist eine neue Entwicklung bei Demonstrationen. Allerdings hatte es bereits 2006 während der Jugendproteste gegen den CPE, den französischen Arbeitsvertrag für Berufseinsteiger, Wellen von Handydiebstählen gegeben, bei denen Menschen ihre Geräte entrissen wurden.
Natürlich haben die Jugendlichen, wie die Zeitung Politis schreibt, in einer Welt gelebt, die „einer riesigen Plünderung der Schwachen durch die Starken gleicht“. Die größten Plünderer sind diejenigen, die Gesundheit, Bildung, Arbeitsplätze und Wohnraum angreifen.
Natürlich werden die Jugendlichen von sämtlichen politischen Kräften sich selbst überlassen und reagieren so, wie sie es eben können. Natürlich sind sie nicht von Natur aus Kriminelle, die das Lager des Volkes spalten. Vielmehr fehlt es an politischer Aufklärungsarbeit und Organisierung.
Doch bei unserer wohlwollenden Unterstützung gibt es eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf.
Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, es handle sich um eine „revolutionäre“ Revolte, durch die sich die Jugendlichen den ihnen vorenthaltenen Reichtum zurückholen würden.
Wenn wir zulassen, dass sich solche Verhaltensweisen ausbreiten, könnte uns das in Zukunft teuer zu stehen kommen. Denn diese verlassenen und politisch unorganisierten Bevölkerungsgruppen könnten von interessierten Kräften instrumentalisiert werden.

Welche Aufgaben stellen sich heute ?

Wir befinden uns nicht in einer revolutionären Zeit. Die kommunistischen Kräfte sind sehr schwach, zerstritten und verstreut – uns selbst eingeschlossen. Gleichzeitig ist die Revolte tief verwurzelt und explosiv.

Unsere primäre Aufgabe besteht nicht darin, zu Aufständen und Erhebungen aufzurufen, auch wenn wir uns mit all unseren Mitteln daran beteiligen müssen.
Das entspricht der Haltung, die Marx seinerzeit gegenüber der Pariser Kommune einnahm, deren Ausbruch er für verfrüht hielt.
Die Hauptaufgabe besteht darin, die Partei aufzubauen, zur Politisierung und Organisierung aufzurufen und dabei an erster Stelle die Arbeiterklasse zu mobilisieren, die sich trotz der tatsächlichen Beteiligung der entschlossensten Gewerkschaftsaktivisten noch außerhalb der Bewegung befindet.Darauf konzentrieren wir in erster Linie unsere Kräfte.
Ohne eine Arbeiterpartei, ohne eine Avantgarde wird die Revolte, die Wut des Volkes, lediglich in Repression oder in einer reformistischen Sackgasse enden.
Vergessen wir nicht : Eine Revolte oder ein Aufstand kann erfolgreich sein und ein Regime oder eine Regierung stürzen, wie in Portugal 1974, in Tunesien und Ägypten 2011, im Sudan 2019 oder in Nepal 2025.
Es braucht jedoch eine Avantgardepartei, um die kommenden Aufstände zu organisieren und als deren Hauptquartier zu fungieren, damit sie über die bloße Machtergreifung hinaus Bestand haben können – so wie es bei der bolschewistischen Revolution von 1917 der Fall war.

Wir rufen die revolutionäre Jugend und die aufständische proletarische Jugend dazu auf, aktiv zu werden, damit die Führung nicht der kleinbürgerlichen Jugend oder den verschiedenen reformistischen Strömungen überlassen wird.
Wir rufen die aufrichtigen und kämpferischen Aktivisten der Gewerkschaftsbewegung dazu auf, sich zu koordinieren und eine gemeinsame Perspektive zu entwickeln – nötigenfalls außerhalb der reformistischen Gewerkschaftsführungen.
Sie sollen in Betrieben und Gewerkschaften den politischen Richtungskampf gegen rassistische, pazifistische und legalistische Vorurteile führen, die den Aufbau einer Klasseneinheit behindern.
Wir rufen dazu auf, sich der entstehenden antifaschistischen Bewegung anzuschließen und sie auf einer echten Klassenbasis zu organisieren, damit sie nicht den Weg des institutionellen Reformismus einschlägt, wie er in Orléans verfolgt wird.
Wir rufen zur Verteidigung sämtlicher Beschuldigter ohne jede Diskriminierung auf. Sie sind Teil der gegenwärtigen Bewegung.
Wir rufen dazu auf, die Wut und Gewalt in geordnete Bahnen zu lenken und dabei planlose Plünderungen zu vermeiden, deren einziges Ziel die unmittelbare Befriedigung eines Bedürfnisses ist.

Wir beharren auf die Dringlichkeit der Lage. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass die Repression und die Reaktion auf allen Ebenen zunehmen werden – insbesondere, wenn bei den kommenden Präsidentschaftswahlen eine faschistisch orientierte Kandidatin gewählt wird.
Wir wenden uns an alle ehemaligen Aktivisten, die ihre Arbeit wieder aufnehmen wollen, an die Mitglieder verstreuter politischer Zirkel, an Gewerkschafter und isolierte Aktivisten, die verstanden haben, dass es keinen anderen Ausweg als einen politischen gibt.Ihr wisst es selbst : La France insoumise (LFI) bietet weder eine Perspektive noch einen Schutzschild gegen den Faschismus.Deshalb ist es an der Zeit, dem Individualismus einer zersplitterten Protestbewegung ein Ende zu setzen. Es ist an der Zeit, den Aufbau einer wirklich kommunistischen und revolutionären Partei wieder aufzunehmen, die sich auf das Herzstück der Arbeiterklasse stützt.
Wir zählen auf die kämpferischsten und politisch bewusstesten Teile des Volkes und des Proletariats : auf klassenkämpferische Gewerkschafter, radikale Umweltschützer, Aktivisten des Antirassismus und des radikalen Feminismus sowie auf die rebellische Jugend der Vorstädte, auf das sie gemeinsam mit uns diese Kommunistische Partei aufbauen.